Hureyre Kam

Universität Frankfurt

Betreuer: Prof. Dr. Ömer Özsoy

Hureyre Kam ist in Denizli (Türkei) geboren, studierte in Berlin Philosophie und Islamwissenschaften und engagierte sich als Vorsitzender des Berliner Theologenvereins im interreligiösen Dialog.

Die Apologie Gottes. Al-Maturidis Erkenntnislehre

Kalam (islamische Theologie) und islamische Philosophie haben gemein, dass sie thematisch die gleichen Bereiche umfassen. Sie unterscheiden sich aber in Bezug auf den methodischen Zugang zum Thema. Denn während die Philosophie die Vernunft ins Zentrum ihrer Überlegungen stellt und nur solches als wahr anerkennt, was in Korrelation zur Vernunft steht, erkennt der Kalām nur jenes als wahr an, was zur Offenbarung in Korrelation ist. 

Die thematische Überschneidung von Kalam und Philosophie bewirkte, dass sich der Bereich des Kalām mit der Zeit erweitert hat. Während die frühen Gelehrten sich hauptsächlich mit Gottes Wesen, seinem Tun und seinen Attributen beschäftigten und den Kalām auch so definierten, fällt für die späteren Gelehrten insbesondere ab al-Ghazali alles in den Bereich des Kalam, was dem Bereich des Wissens zuzuordnen und dem Zweck der Beweisführung im Sinne des islamischen Credos zuträglich ist. Diese thematische Verschiebung ist aber nicht a priori für den Kalam notwendig, sondern war eine apologetische Anpassung an die geistesgeschichtlichen Umstände.

Auch in der Moderne gibt es durchaus Ansätze, den jeweiligen philosophischen Herausforderungen zu entsprechen. Jedoch kann kaum von einem konsistenten und kohärenten modernen Kalam gesprochen werden. Anliegen dieser Arbeit ist es daher, den Kalām für die dringlichen Fragen der Philosophie erneut zu öffnen. Zu diesem Zweck untersucht sie die Erkenntnislehre Abu Mansur al-Maturidis (gest. ws. 333/944), der der hanafitischen Rechtsschule einen systematischen Argumentationsboden gab. Die Entscheidung für al-Maturidi zum Zwecke eines neuen Ansatzes legitimiert sich dadurch, dass er zwar mit al-Aschʿari (gest. 324/935-6) zu einem der geistigen Väter der sunnitischen Theologie zählt, aber im Gegensatz zu diesem kaum rezipiert und tradiert wurde. Durch al-Maturidis besondere Betonung der Vernunft innerhalb seines Denksystems ist ein Erkenntnisgewinn in Bezug auf die zeitgenössische Positionierung des Kalam zu philosophischen Fragestellungen zu erwarten.

Publikationen

Hureyre Kam: „Gott als Leben denken? Kritischer Kommentar zu Thomas Schärtl aus muslimischer Sicht.“ In: Muna Tatari und Klaus von Stosch (Hg.): Trinität – Anstoß für das islamische Gespräch. Paderborn 2013.

Hureyre Kam: „Die Asymmetrie der Gerechtigkeit“. In: Milad Karimi, Mouhanad Khorchide und Klaus von Stosch: Theologie der Barmherzigkeit? Zeitgemäße Fragen und Antworten des Kalām. Schriftenreihe Graduiertenkolleg Islamische Theologie, Band 1. Münster 2014, S. 173-184.

Hureyre Kam: "Beobachterbericht: Offenbarung und Vernunft", in: Mohamed Gharaibeh/Esnaf Begic/Hansjörg Schmid/Christian Ströbele (Hrsg.): Zwischen Glaube und Wissenschaft. Theologie in Christentum und Islam. Regensburg: Friedrich Pustet 2015, 157-165. 

Hureyre Kam: "Review: Angelika Brodersen, Der unbekannte Kalam. Theologische Positionen der frühen Maturidiya am Beispiel der Attributenlehre, in: Entangled Religions 2 (2015), Berlin. Online: http://er.ceres.rub.de/index.php/ER/article/view/171