Nimet Seker

Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Post-Doc-Gruppe "Oralität und Auralität des Korans" am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Goethe Universität Frankfurt a.M.

Promotion: Goethe Universität Frankfurt a.M.
Betreuer: Prof. Dr. Ömer Özsoy, Jprof. Dr. Armina Omerika

Nimet Seker studierte in Köln Islamwissenschaften, Germanistik und Ethnologie. Sie hat als Redakteurin für das Islamportal Qantara.de und als Lehrbeauftragte am Orientalischen Seminar der Universität Köln gearbeitet und ist Herausgeberin des Magazins Horizonte. Zeitschrift für muslimische Debattenkultur. Ihre Promotion hat sie im Februar 2017 abgeschlossen. Sie ist Mitglied der Redaktion der Frankfurter Zeitschrift für islamisch-theologische Studien.

Titel: Interpretationslehre der sunnitischen Koranexegeten im Spannungsfeld der Kompositionalität und Kontextualität des Korans (3.-9./9.-15. Jh.)

Ausgehend von der Doppelnatur des Korans als Rede und Text untersucht die Arbeit eingegrenzte Felder zur Frage, wie sich im Verständnis vormoderner sunnitischer Koranexegeten die Bedeutungen des Korans generieren. Die Doppelnatur des Korans erlaubt der vormodernen exegetischen Lehre zufolge zwei verschiedene Herangehensweisen an den Interpretationsgegenstand: Diese orientiert sich in der Regel an der Anordnung des Texts (tartīb al-muṣḥaf), kennt aber auch die Anordnung der Chronologie (tartīb an-nuzūl) sowie die damit zusammenhängenden Informationen zum Offenbarungskontext des Korans. Die Interpretationslehre der sunnitischen Exegeten bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Textkohärenz und Offenbarungskontext, und ist damit von verschiedenen theologischen Lehren wie auch von tradiertem exegetischen Wissen zum extratextuellen Kontext beeinflusst. Die Forschungsfrage der Arbeit wird vor dem Hintergrund textwissenschaftlicher, pragmatischer, philosophischer sowie ideengeschichtlicher Theorien erörtert.

Die Arbeit untersucht in ausgewählten sunnitischen Quellen aus den Bereichen Koranexegese, Methodenlehre der Exegese sowie Koranwissenschaften (tafsīr, uṣūl at-tafsīr sowie ʿulūm al-qurʾān) zunächst die epistemologischen sowie hermeneutischen Voraussetzungen der Interpretationslehre. Dies wird anhand einer Betrachtung der hermeneutischen Diskussion um die Begriffe tafsīr und taʾwīl entfaltet. Die epistemologischen Implikationen von tafsīr und taʾwīl wirken sich auf die unterschiedlichen Methoden hinsichtlich der Generierung von Textkohärenz und der Betrachtung des Offenbarungskontexts aus. Jedoch zeigt sich die Exegese auch deutlich unter dem Einfluss theologischer Diskussionen und Prämissen: Die Entwicklung von Methoden zur Generierung von linearer Textkohärenz dienen der Bestätigung der Lehre von der Unnachahmlichkeit des Korans (iʿǧāz al-qurʾān). Sie sollen vor allem aber die Lehre der Präexistenz des Korans bekräftigen. Im Gegenzug sind die Methoden, welche den Text in seinem ursprünglichen Redekontext – und damit pragmagtisch – verstehen wollen, auch ein unverzichtbares Element zur Generierung von Bedeutung. Jedoch geht die Tendenz in späteren koranwissenschaftlichen Werken, wie in as-Suyūṭīs "al-Itqān", dahin, dekontextualisierende Methoden anzuwenden. Eine der Gesamtschau dieses Themenkomplexes wirft die Frage nach dem Offenbarungsverständnis vormoderner sunnitischer Koranexegeten auf. Für die zeitgenössische hermeneutische Diskussionen rückt damit ebenso die Frage nach dem Offenbarungsverständnis sowie die nach dem Problembewusstsein hinsichtlich von Methodologien und ihrer hermeneutischen Begründungen in den Vordergrund.

Die Arbeit wurde im Februar 2017 verteidigt.

 

Publikationen

Monographien

Nimet Seker: Koran als Rede und Text. Hermeneutik sunnitischer Koranexegeten zwischen Textkohärenz und Offenbarungskontext. Berlin: EBV (in Bearbeitung).

Nimet Seker: Die Fotografie im Osmanischen Reich. Arbeitsmaterialen zum Orient, Band 21. Würzburg 2009.

Artikel

Nimet Seker: „Nasr Hamid Abu Zayd's Qur'anic Hermeneutics as Criticism of Authoritarian Discourse“. In: Hansjörg Schmid, Serdar Kurnaz, Jan Felix Engelhardt: Islam, Knowledge, Power. Interactions from a Theological and Historical Perspective. (in Bearbeitung).

Nimet Seker: „Feministische Koranexegese: Hermeneutik und Methodik“. In: Naime Cakir, Meltem Kulacatan (Hg.): Islam und Gender. Berlin: EBV (in Bearbeitung).

Nimet Seker: „Koran als Rede und Text“. In: Serdar Kurnaz, Hureyre Kam (Hg.): Koranwissenschaftliche Untersuchungen. Freiburg i.Br.: kalam Verlag (in Bearbeitung).

Nimet Seker: „as-Suyūṭīs Diskussion der Mehrfachherabsendung (taʿaddud an-nuzūl) am Beispiel von Vers 33:35“. In: Ayse Basol (Hg.): Sure al-Aḥzāb. Berlin: EBV (im Erscheinen) [29 S.].

Nimet Seker: „Geschichtlichkeit in der Koranexegese. Die Kontextgebundenheit der Bedeutungen des Korans“. In: Abbas Poya (Hg.): Koranexegese als Mix-and-Match-Hermeneutik. Analyse einiger moderner Diskurse zur tafsīr-Wissenschaft. Bielefeld: transcript 2017 (im Druck) [29 S.].

Nimet Seker: „Rezension von Aysha A. Hidayatullah: Feminist Edges of the Qur'an, Oxford University Press, Oxford 2014“. In: Frankfurter Zeitschrift für islamisch-theologische Studien (2), S. 236-242.

Nimet Seker: „Ermahnt sie, meidet sie im Bett und schlagt sie!: Zur Frage der Geschlechtergewalt in Q 4:34 und in der sunna“. In: Klaus von Stosch und Hamideh Mohagheghi (Hg.): Gewalt und Hermeneutik. Gewaltpotentiale in den Heiligen Schriften von Islam und Christentum. Paderborn 2014, S. 117-144.

Nimet Seker: „Raḥma und raḥim. Zur weiblichen Assoziation der Barmherzigkeit Allahs“. In: Milad Karimi, Mouhanad Khorchide und Klaus von Stosch (Hg.): Theologie der Barmherzigkeit? Zeitgemäße Fragen und Antworten des Kalām. Schriftenreihe Graduiertenkolleg Islamische Theologie, Band 1. Münster 2014, S. 117-131.

Nimet Seker: „Dir biete ich mich an, zerstampfe zerfaser zerstreue mich. Islamische Mystik in Feridun Zaimoğlus Erzählung ‚Der Kranich auf dem Kiesel in der Pfütze‘“. In: Michael Hofmann und Inga Pohlmeier (Hg.): Deutsch-türkische und türkische Literatur. Literaturwissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven. Würzburg 2013, S. 21-32.

Nimet Seker: „Bilder und Bilderverbot im Urteil des Qur’an und der klassischen muslimischen Gelehrsamkeit“. In: Harry Harun Behr, Daniel Krochmalnik und Bernd Schröder (Hg.): Du sollst dir kein Bildnis machen. Bilderverbot und Bilddidaktik im jüdischen, christlichen und islamischen Religionsunterricht. Berlin 2013, S. 119-143.

Nimet Seker: „Ist der Islam ein Integrationshindernis?“. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 13-14/2011, S. 16-21.

Herausgeberschaften

Nimet Seker (Hg.): Horizonte. Zeitschrift für muslimische Debattenkultur. Themenheft "Ijtihad" (1), Juni 2011. Freiburg i.Br.: Kalam Verlag.

Nimet Seker (Hg.): Horizonte. Zeitschrift für muslimische Debattenkultur. Themenheft "Al-Ghazali" im Ghazali-Jahr (2), Dezember 2011. Freiburg i.Br.: Kalam Verlag.

Nimet Seker (Hg.): Horizonte. Zeitschrift für muslimische Debattenkultur. Themenheft "Geld" (3), Juni 2012. Freiburg i.Br.: Kalam Verlag.